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Warum zwei Aufschläge

Warum zwei Aufschläge?

Verödet Tennis? Soll man die Regeln ändern, um das Spiel wieder spannender zu machen? Eine sportphilosophische Grundsatzfrage.

von Jürgen Kaube 

Fast jede Sportart kämpft mit dem Problem, daß Erfolge dazu neigen, weitere Erfolge nach sich zu ziehen. Es ist also nicht unwahrscheinlich, daß über längere Zeit hinweg stets dieselben gewinnen. Das aber langweilt, denn nur im Zirkus und in der Kunst genießt man die virtuose Leistung, im Sport aber zusätzlich den offenen Ausgang. Die Sportarten lösen dieses immer wieder auftretende Problem manchmal durch Regeln, die Verlierer begünstigen, zum Beispiel durch eine Umverteilung von Fernsehgeldern von oben nach unten. Oder sie nehmen von Zeit zu Zeit Regeländerungen vor, die dafür sorgen, daß das Spiel wieder spannender wird.

Das Tennisspiel ist heute in einer solchen Lage. Der erfolgreiche Spieler ist groß und kräftig,fsz060417_1 hat einen unheimlich harten Aufschlag, spielt aber zumeist nicht „serve and volley“, geht also nicht nach dem Aufschlag ans Netz, sondern erwartet den „Return“ des Gegners auf der Grundlinie. Weich geschlagene Bälle („Stops“) sind selten geworden, es wird zumeist gepeitscht. Das Spiel ist, so scheint es, über die Jahre variantenärmer geworden.

Die britische Sportwissenschaftlerin Heather Sheridan hat jetzt die Frage untersucht, ob hier eine neue Regel helfen kann: die Abschaffung des zweiten Aufschlags. Denn seine Möglichkeit sorgt ja erst dafür, daß der Aufschlagende seinen ersten Ball ‘mit vollem Risiko und extremer Geschwindigkeit ins Spiel bringen kann, woraus sich dann jene Strategie des Peitschens von der Grundlinie aus ergibt. Die Aufschlagskraft triumphiert physiologisch über die Reaktionsgeschwindigkeit. Bei nur einem Aufschlag würde die Verteidigung gestärkt, das Risiko für Kraftspieler erhöht.

Lange Zeit war die Geschichte des Tennis von Regeländerungen geprägt, die keiner konkreten Absicht folgten, das Spiel als Ganzes zu verändern. Früher war das Netz höher, und die Aufschlagsfelder, in denen der erste Ball landen muß, waren größer. Das Spielgerät selber unterlag lange keinerlei Normierung (der Ball erst seit 1926, als es zwischen Franzosen und Amerikanern zum Streit darüber gekommen war). So konnte Jimmy Connors 1967 unbeanstandet den Metallschläger einführen und 1976 die übergroße Schlägerfläche aufkommen. Erst als 1978 die „Spaghetti­Bespannung“ aus dem Schläger ein Trampolin zu machen drohte, griff der Weltverband ein und definierte, was ein Tennisschläger sei.

Die Abschaffung des zweiten Aufschlags wäre ersichtlich ein anderer Fall. Denn hier würde eine seit 1877 existierende Tradition beendet - und zwar aus sehr offenkundigen Gründen. Sheridan warnt warum vor einer solchen Maßnahme. Sie würde eine Krise zumindest desMännertennis hervorrufen. Mehr als einhundert Jahre lang wurde in dieVerbesserung des ersten Aufschlages und in die seiner Erwiderung investiert. Beides zu beherrschen gehöre zum guten Spiel — und es seiwichtiger, daß das Spiel seine Gütekriterien beibehalte, als daß der Aufschläger und der Empfänger gleiche Chancen hätten. Der zweite Aufschlag als taktische Waffe würde verschwinden, zum Beispiel die Überraschung, wenn ergenauso riskant geschlagen wird wie ein erster. Zu „serve and volley“ käme es gar nicht mehr. Das Spiel würde weniger komplex und vermutlich nur für eine kurze Umstellungsperiode abwechslungsreicher danach aber einförmiger. AuchBjörn Borg und Ivan Lendl, das glatte Gegenteil von Kraftaufschlägern, schienen einst das Tennis durch ihre Könner-schaft zu veröden. Aber dann kamen McEnroe und Becker. Roger Federer siegt insofern noch nicht lange genug, um schon alsevolutionäre Sackgasse eines darum änderungsbedürftigen Sports gedeutet zu werden.

Heather Sheridan, „Tennis Technologies:
De-Skilling and Re-Skilping Players and the lrnplicatjons for the Garne, Sport in Socie­ty, Vol. 9, 2006,

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